Programm 2016

 

Freitag, 28.10.2016


15:00  Ankommen
16:00  Begrüßung/ Einführung
17:00  Anarchismus in Bewegung. Ein Forschungsüberblick – Olaf Briese
18:30  Solidargemeinschaften in gefährlichen Zeiten. Kollektive anarchosyndikalistische Biographien vom Kaiserreich bis zum NS-Regime – Hartmut Rübner
20:00  Für ein Leben und Lernen in Freiheit – Anarchistisches Organisierungstreffen für Hochschulen – Schwarze Ruhr-Uni

21:30  warmes Abendessen und
Rauchfreie Kneipe in der T-Stube

 

Samstag, 29.10.


9:00 Frühstück
10:00  Max Stirner – Schwarzes Schaf und Inspirationsquelle des Anarchismus – Maurice Schuhmann
11:30  Foucaults Werkzeugkiste für die Anarchie! – An Stirner und Landauer rumschrauben – Jürgen Mümken
ab 12:30  warme Kleinigkeiten zum Mittag

14:00 – 16:30 Workshops, Gesprächskreise:

  • Warum (nicht) wählen? – Ein mathematischer Zugang zur Theorie der Wahl, Basisdemokratie & die Herausforderung einer Entscheidungsfindung in großen Gruppen – Claudio Kloeckl
  • Reclaiming History – Kollektiv GESCHICHTE VON UNTEN
  • Wissenschaft ohne Herrschaft !? – Eine ganz andere „Wissenschaft“, Ausbruch aus den Nischen des Bestehenden?!

16:30  Über den Bruch – Theoretische Konstellationen zwischen Rancière und CrimethInc. – Christian Leonhardt
18:00  Im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegenhegemonien: gegen Hegemonie!
– eine anarchistische Lesart von Hegemonietheorien – Jonathan Eibisch

19:30  Abends warmes essen

21:00  Soli – Konzert & Party in der T-Stube

 

Sonntag, 30.10.


9:00 Frühstück
10:00  Mathematik und Herrschaft: angewandte Mathe raus aus der Uni! – Thomas Gruber
11:30   Isis Agora Lovecruft
13:00  Frühstück entwickelt sich zum Brunch
14:00 Abschlussdiskussion mit Inhaltlichen Austausch



Abendprogramm:

… findet Freitag und Samstag in der T-Stube, am Allende Platz 1 (Pferdestall) statt.



Gesprächskreise:

Wissenschaft ohne Herrschaft !? – Eine ganz andere „Wissenschaft“, ein Ausbruch aus den Nischen des Bestehenden?!

Ein Gesprächskreis zum Reflektieren des bekannten, zum diskutieren der heutigen Möglichkeiten der Selbstermächtigung und zum Austausch unserer Utopien zu einem anderen Umgang mit Wissen.

Gedacht als eine Vertiefung der Reflektionen auf Begrifflichkeiten der Wissenschaft aus dem Einladungstext:

Im Laufe ihres Lebens eignen sich alle Menschen auf unterschiedlichste Arten und Weisen Wissen an. Nach persönlichen Interessen oder auch nach alltagspraktischen Erfordernissen entstehen Wunsch oder Notwendigkeit, zu lernen, zu verstehen und unabhängig handlungsfähig zu sein.

Im Alltag ist es schwer, darin eine Praxis außerhalb von gesellschaftlich institutionalisierten Wegen, fernab von den dafür vorgesehenen Orten oder Formen, über vorgegebene Themenbereiche hinaus zu leben.Zu sehr ist der Zugang zu Wissen an die vorherrschende Grundordnung gebunden, die in dem jeweiligen Teil der Gesellschaft, in der mensch sich befindet, regiert – sind Zeit, Geld oder das Milieu Faktoren die grundlegend zu bestimmen scheinen, in welchem Umfang, in welcher Qualität und wie selbstbestimmt gelernt werden kann.

Wissensinstitutionen wie Kindergärten, Schulen, Betriebe/Hochschulen sind dabei der Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse verpflichtet und zunehmend auch ausschließlich der eigenen ökonomischen Verwertung einer neoliberal kapitalistischen Ideologie folgend.

Wissenschaft trägt zum Festlegen von Menschengruppen auf vermeintlich nachweisbare und objektive Kerneigenschaften bei, welche ewig und unveränderlich angelegt sind. Gruppierungen werden nach Eigenschaften der Essenz kategorisiert, die auf problematischen Kriterien wie Geschlecht, sexueller Orientierung, Rasse, Ethnizität, nationaler und/oder sozialer Herkunft basieren.

Wenn Wissenschaft somit als die Institutionalisierung von Wissen, als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden werden kann, so ist sie und die aus ihr entstehende Wissensproduktion weder frei von Herrschaftsverhältnissen, noch ist sie in der Auswahl ihrer Beschäftigungsfelder und ihrer angewandten Methoden und Techniken wirklich frei.

Es wäre auch möglich, dass bisher über Wissenschaft Geschriebene nur als den akademisierten Teil dessen, was unter dem Begriff verstanden werden kann, zu betrachten. Gibt es doch in jedem Bereich der Gesellschaft Lücken bzw. Räume, die nicht vollständig unter Kontrolle oder von einer Herrschaftslogik durchzogen sind, sogar in einem kleinen Teil an den Hochschulen.

Außerhalb dieser lässt sich durchaus in den sozialen Bewegungen eine Wissensproduktion erkennen. So könnte Wissenschaft auch unabhängig von den ein zwängenden Institutionen verstanden werden, sich der Vereinnahmung durch ein ökonomisch ausgerichtetes Herrschaftssystem entziehend: Eigeninitiatives Aneignen, Weitergeben und Weiterentwickeln von Wissen, dass sich jeglicher Repräsentation, Kommerzialisierung und Begrenzung durch Privilegierte in dieser Form entzieht.

Samstag 14Uhr



Vorträge:

Anarchismus in Bewegung. Ein Forschungsüberblick

von Olav Briese

Anarchismus, als theoretische Strömung, führt ein Schattendasein, allerdings nur im deutschsprachigen Raum und nur, was die akademische Sphäre betrifft. International gesehen, gibt es rege Forschungsdiskussionen (und hierzulande in nichtakademischen Zirkeln). Dieser Literaturbericht zeichnet ausgewählte Debattenschwerpunkte der letzten zwei Jahrzehnte vor allem aus dem englischsprachigen Raum nach, arbeitet heraus, inwiefern sich neue Entwicklungen ergeben haben und macht binnenanarchistische Streitpunkte kenntlich (u.a. Begriffsbesetzung; Religion; Utopie). Insbesondere verdeutlicht er den Unterschied zwischen ‚klassischen‘ und ‚modernen‘ Anarchismen und hebt hervor, wie sich letztere nicht mehr auf Staatskritik konzentrieren, sondern, in erweiterter Perspektive, auf Herrschaftskritik.

Freitag 17 Uhr

www.olaf-briese.com

Solidargemeinschaften in gefährlichen Zeiten. Kollektive anarchosyndikalistische Biographien vom Kaiserreich bis zum NS-Regime

von Hartmut Rübner

Die Wirkungsgeschichte des Anarchosyndikalismus als autonome Strömung in der deutschen Arbeiterbewegung dauerte etwa vierzig Jahre. Betrachtet man die Freie Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) im nationalen Maßstab, dann erscheint sie mit Ausnahme der Jahre 1919-1923 als eine unbedeutende Organisation am Rande der Arbeiterbewegung, die 1932 nur 4307 Mitglieder zählte, die im Vergleich zu den 3,5 Millionen des sozialdemokratischen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes kaum (ADGB) ins Gewicht fallen. Auf der lokalen Ebene erscheint jedoch ein differenzierteres Bild. Mitunter spielten Anarchosyndikalisten eine wichtige Rolle im Kampf gegen die erstarkende NSDAP sowie in den interfraktionellen Kultur- und Selbsthilfeverbänden der Arbeiterbewegung. Generationsübergreifend wirkte die FAUD nicht unbedingt als sozialrevolutionäre Kampforganisation, sondern durch ihre vielfältigen kulturellen Aktivitäten. Insofern wirkte der prägende Einfluss des Anarchosyndikalismus wie eine altersübergreifende Sozialisationsagentur. Diese quasi-familiäre Gruppenstruktur an der Basis wurde zwischengenerationell abgesichert, denn oft waren auch die Kinder und Kindeskinder der Akteure in das alltägliche Organisationsgeschehen involviert.
Insgesamt handelte sich um Angehörige mehrerer Generationen, die meist über eine langjährige politische Erfahrung verfügten und sich mit dem „freiheitlich-sozialistischen“ Gesellschaftsentwurf identifizierten. Dieser Personenkreis, der im Fokus des Referats steht, verfügte in einem gewissen Sinne verfügte über die Eigenschaften einer Elite, ohne daraus selbst einen exklusiven Anspruch abzuleiten. Ausgehend von einer etwa 40jährigen Bewegungsgeschichte sind vier Generationen von Akteuren erkennbar: 1. Sozialdemokratische Pioniere; 2. Syndikalistische Gründer; 3. Industrielle Syndikalisten; 4. Junge Anarchosyndikalisten.

Freitag 18:30


Für ein Leben und Lernen in Freiheit – Anarchistisches Organisierungstreffen für Hochschulen

mit der Schwarzen Ruhr-Uni

Universitäten sind kein Ort freier Bildung. All jene, die dort forschen, lohnarbeiten und-/oder studieren, sind permanenten Zwängen unterworfen. In den Geisteswissenschaften gibt es bestimmte Dogmen, die nicht wirklich hinterfragbar sind, z.B. dass nicht gegen den Staat geforscht werden darf. In den Natur- und Ingenieurswissenschaften dient die Forschung vor allem kapitalistischen oder den Überwachungs-, Repressions- und Militärinteressen des Staates.

Gleichzeitig müssen Prüfungen abgelegt und Abschlüsse gemacht werden, was alle Studierenden zu Konkurrenz, Anpassung und Unterordnung zwingt. Auch nicht zu vergessen sind die zahlreichen Menschen, die nicht als Wissenschaftler*innen gelten, durch ihre teilweise sehr gering bezahlte Arbeit aber erst die Arbeit der Uni ermöglichen. Staatliche oder kapitalistische Universitäten werden nie freie Bildung, Forschung und Selbstbestimmung zulassen oder allerhöchstens in dem Ausmaß, wie sie ihnen nicht gefährlich wird.

Die Universität ist daher genauso ein Ort für Auseinandersetzunge wie alle andere Räume der Gesellschaft, jedoch gab es bisher kaum anarchistische Gruppen in Universitäten. In letzter beginnt ein langsamer Prozess und es gibt vermehrt Initiativen zur Gründung anarchistischen Gruppen an Unis. Diesen Prozess möchten wir unterstützen und vorantreiben, daher organisieren wir auf dem Kongress “Anarchistischen Perspektiven auf die Wissenschaft” in Hamburg ein anarchistisches Organisierungstreffen. Bei dem Treffen sollen sich Menschen kennenlernen können, die an ihrer Hochschule gemeinsam aktiv werden wollen. Als kleinen Input werden wir kurz unsere Arbeit als schwarze Ruhr-Uni vorstellen.

Lasst uns zusammen den Kampf für unsere Freiheit an die Unis tragen!
Für ein Leben und Lernen in Freiheit!

Freitag 20 Uhr

www.scharzerub.blogsport.de

Max Stirner – Schwarzes Schaf und Inspirationsquelle des Anarchismus

von Maurice Schuhmann

Der deutsche Philosoph Max Stirner nimmt innerhalb der anarchistischen Geistesgeschichte unbestritten eine Sonderstellung ein. Die erste Zuschreibung zum Anarchismus erfolgte seitens Friedrich Engels, später durch Plechanow und wurde dann erst von den Anarchist*innen übernommen, die ihn als einen Vorläufer und Ideengeber des Anarchismus – z.T. zähneknirschend, z.T. himmelhochjauchzend – akzeptierten.
Seine Philosophie wurde und wird häufig missverstanden, hat aber dessen ungeachtet das Denken und die Reflexion vieler sozialer Anarchist*innen – darunter u.a. Gustav Landauer – zeitweilig stark geprägt.
Die bis heute ungebrochene Aktualität seines Werkes „Der Einzige und sein Eigentum“ liegt nicht in dem Entwurf einer kommenden Gesellschaft oder deren Organisation, sondern in der kritischen Hinterfragung festgefahrener Dogmen. Ihm obliegt daher nach wie vor die Rolle, seine Rezipient*innen zu ermutigen, die eigenen Positionen und deren Grundlagen kritisch zu hinterfragen.

Dr. Maurice Schuhmann, ehemaliger Vorsitzender der Max Stirner Gesellschaft, erläutert die Philosophie Max Stirners und seine Aktualität für einen modernen Anarchismus.

Samstag 10 Uhr

www.mauriceschuhmann.lima-city.de

Foucaults Werkzeugkiste für die Anarchie! An Stirner und Landauer rumschrauben

von Jürgen Mümken

Max Stirner und Gustav Landauer sind beide nicht die typischen Vertreter des klassischen Anarchismus. Stirner, der sich selbst nicht als Anarchist bezeichnet hat, wurde von Friedrich Engels in die anarchistischen „Ahnenreihe“ befördert. Heute gehört Stirner zum anarchistischen Erbe. Eine Gemeinsamkeit von beiden ist, dass sich bei Beiden Anschlüsse an postmodernen Denken findet.

Foucault hat im Rahmen einer Wiederherstellung einer Ethik und Ästhetik des Selbst vorgeschlagen, neben Montaigne, Baudelaire, Schopenhauer und Nietzsche auch Stirner neu zu lesen. Foucault ging es bei diesen Autoren um die Suche nach einer neuen Lebenskunst, nach einer Technologie des Selbst. Im Sinne von Foucault kann der Einzige von Stirner als eine mögliche Form der Lebenskunst und als Technologie des Selbst gelesen werden. Ein zentraler und wichtiger Aspekt in Der Einzige und sein Eigentum ist die Auseinandersetzung und Kritik mit der „neuen Zeit“, die wir heute Moderne nennen. Im Mittelpunkt des Vortrages soll Stirners Kritik des philosophischen Humanismus und des bürgerlichen Subjekts stehen.

Der Anarcho-Sozialist Landauer sah Staat und Nation als ein Verhältnis, eine Art und Weise, wie sich Menschen zueinander verhalten: „Nation ist nichts absolutes, sondern eine vielfältige Relation.“ (Landauer) Mit diesem relationistischen Verständnis von Nation und Staat kommt er dem Denken des französischen Philosophen Michel Foucault schon sehr nahe. Wie verhält sich das Denken des Staates bei Landauer und Foucault?

Ziel des Vortrages ist es mit der Werkzeugkiste von Foucault Stirner und Landauer zu betrachten und weiterzuentwickeln.

Zugabe: Ich würde auch gerne kurz auf der Denken der politischen Differenz in der gegenwärtigen französischen Philosophie und Antipolitik bei Landauer eingehen. Differenzen und Gemeinsamkeiten.

Zur Person: Jürgen Mümken, Digitaldrucker, Mitglied des Kollektiv „Schmackes“ (Bioladen als Mitgliederladen) Arbeite seit Jahren zur anarchistischen Theorie, Macht und Raum, Anarchismus und Antisemitismus (mehr unter www.juergen-muemken.de)

Samstag 11:30

www.juergen-muemken.de/

Über den Bruch – Theoretische Konstellationen zwischen Rancière und CrimethInc.

von Christian Leonhardt

Die Frage nach dem „Wie“ des Zusammenlebens von Menschen ist eine der Grundfragen der Politischen Theorie. Sie stellt sich daher auch im Anarchismus. Wie die meisten anderen politischen Theorien versteht auch eine Mehrzahl der anarchistischen Ansätze diese Frage als Frage nach der „guten Ordnung“. Der Unterschied liegt bekanntermaßen darin, dass für eine anarchistische Theorie eine gute Ordnung weder eine staatliche Ordnung ist, noch dass der Übergang in die befreite Gesellschaft staatlich organisiert sein kann. Die Frage, die sich anarchistische Theorien stellen, ist also die nach der Ordnung der Anarchie. Neuere Demokratietheorien greifen nun seit einigen Jahren diese anarchistische Intention auf. Diese radikalen Demokratietheorien stellen infrage, dass sich Demokratie auf bestimmte (staatliche) Institutionen und Ordnungen reduzieren lässt. So denkt Jean-­‐Luc Nancy über den Zusammenhang von Demokratie und Anarchie nach (2009:83ff) und Jacques Rancière nennt eine demokratische Regierung eine anarchische Regierung (2011:46). Jedoch geht es diesen Überlegungen nicht um eine mögliche Ordnung der Anarchie. Für sie kann sich Demokratie nur selbst begründen und es muss immer wieder neu festgestellt werden, was ihr Inhalt, ihre Form und welches ihre Subjekte sind (Nonhoff 2016). So ereignet sich Demokratie gerade im Bruch mit Ordnungen, in dem Moment, in dem prinzipiell neu verhandelt wird, was überhaupt verhandelt werden kann, von wem und wie. Es geht hier also nicht nur um die Annahme einer prinzipiellen Unabgeschlossenheit von Ordnung, sondern im gewissen Sinne um die Anarchie der Ordnung. Hinzu kommt, dass die radikalen Demokratietheorien – wenn nicht Ordnung und Institutionen, sondern der Bruch in den Fokus der Theorie steht – den politischen bzw. demokratischen Moment in gegenwärtigen Ereignissen und Bewegungen erkennen. Ob es die Dezemberrevolte 2008 in Griechenland, 2011 Occupy Wall Street oder die Gezi-­‐Park-­‐Proteste 2013 in Istanbul sind; diesen Ereignissen wird eine anarchistische Affinität zugeschrieben, die sich sowohl vom „klassischen“ Anarchismus wie auch von vorangegangenen sozialen Bewegungen unterscheide (Graeber 2008; Day 2005; 2011). Dabei äußern einige theoretischen Reflexionen innerhalb dieser Bewegungen inhaltlich ähnliche Gedanken wie die radikale Demokratietheorie, ohne sich allerdings auf diese zu beziehen bzw. sogar positive Rekurse auf Demokratie ablehnend (u.a. Crimethinc. 2012; The Institute for Experimental Freedom 2013).

Von hier aus stellen sich (mindestens) zwei Fragen. Erstens: Gibt es eine inhaltliche Affinität zwischen den akademischen Theorien radikaler Demokratie und der aktivistischer-­‐anarchistischer Theorieproduktion innerhalb dieser Bewegungen und wenn ja, in welcher Beziehung? Die zweite Frage betrifft die Theorie des Bruchs. Denn wie ist widerständige Politik, die innerhalb einer gesellschaftlichen Ordnung agiert, diese jedoch weder reformieren noch ihre Institutionen ersetzen will, zu denken? Und weiter: Was heißt eine solche Politik für präfiguartives Handeln im Alltag? Im Fokus des Vortrages steht von daher die Konstellation von radikaler Demokratietheorie und aktivistischer-­anarchistischer Theorieproduktion. Dabei werde ich zunächst allgemein sowohl auf die theoretische Debatte der radikalen Demokratietheorie eingehen, wie auch auf die aktivistische Theorieproduktion in den „Newest Social Movements“.

Aufbauend darauf will ich die Konstellation der Theoriebeziehungen am Beispiel der politischen Philosophie Jacques Rancières und des anarchistischen Kollektivs CrimethInc. erarbeiten.

Samstag 16:30


Im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegenhegemonien: gegen Hegemonie! – eine anarchistische Lesart von Hegemonietheorien

von Jonathan Eibisch

Hegemonietheorien bilden einen bedeutenden Bestandteil zur Interpretation politischer Vorgänge und der Entwicklung politischer Strategien im linken Denken. Wie erzeugt Herrschaft ihre Zustimmung, wie handelt sie Kompromisse aus, wie erzeugt sie Herrschaftssubjekte?

Wenngleich Hegemonietheorien sehr fruchtbar sind, begehen viele Linke offensichtlich den Fehler, analytische Dimension und politischen Schlussfolgerungen daraus nicht zu unterscheiden. Die hegemoniale Strukturierung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist dabei selbst keine neutrale Angelegenheit sondern grundsätzlich zu problematisieren.

Wie sehen dahingehend anarchistische Ansätze aus, welche dies einerseits zu tun, sich andererseits den hegemonialen Bedingungen des Politischen aber nicht verweigern, um gesellschaftliche Wirkmächtigkeit zu erlangen? Diese grundsätzliche Schwierigkeit vor der radikale (Anti-)Politik steht, soll in Hinblick auf kritische Subjekttheorien und emanzipatorische politische Projekte verdeutlicht werden.“

Samstag 18 Uhr


Mathematik und Herrschaft: angewandte Mathe raus aus der Uni!

von Thomas Gruber

Ob in der Steuerung und Sensorik einer militärischen Kampfdrohne, der polizeilichen Überwachung verdächtiger Personen mittels Handydaten oder der Entmenschlichung von (Kranken)Versicherungs- und Bankgeschäften mithilfe von Scoringalgorithmen — in vielen Bereichen ihres Wirkens verlassen sich militärische, staatliche und finanzwirtschaftliche Entscheidungsträger_innen auf mathematische Konzepte. Ein Großteil der aktuellen Anwendungsbereiche mathematischer Forschungsergebnisse hat damit die explizite Ausbeutung, Unterdrückung oder gar Tötung von Menschen zum Ziel.

Ohne die Voraussetzung von Vorkenntnissen und mithilfe anschaulicher Beispiele hat dieser Vortrag die Diskussion von drei Fragen zum Ziel:

Wo und wie unterstützt die Mathematik die Interessen politischer, militärischer und wirtschaftlicher Eliten?
Welchen Einfluss hat der herrschende Status Quo auf die Mathematik?
Was bringt eine anarchistische Perspektive auf die angewandte Mathematik und wie können wir die Forschung zivilgesellschaftlich nutzen?

Sonntag 10 Uhr



Workshops:

Warum (nicht) wählen? – Ein mathematische Zugang zur Theorie der Wahl, Basisdemokratie & die Herausforderung einer Entscheidungsfindung in großen Gruppen

mit Claudio Kloeckl

Ein mathematischer Zugang zur Theorie der Wahl, Basisdemokratie & die Herausforderung einer Entscheidungs-findung in großen Gruppen. Die Kritik an Wahlen ist eine der grundlegenden Themen anarchistischer Theorie. Typischerweise basiert diese Kritik auf philosophischen Argumenten. Im Gegensatz zur etablierten Theorie, werden wir eine Einführung in die akademische Betrachtung von Wahlsystemen durch mathematische Methoden geben: die sogenannte Public Choice Theory.

Wir beginnen darüber nachzudenken was eine Wahl wirklich ist, warum wählen problematisch ist aber auch warum schlichtes nicht wählen ebenfalls problematisch ist! Wir diskutieren warum selbst AnarchistInnen sich (mit einer Art von) Wahlen auseinandersetzen sollten, selbst wenn wählen bekannterweise eine problematische Form der Entscheidungsfindung ist. Wir werden argumentieren, dass viele scheinbar unterschiedliche Informations-verarbeitungssysteme, welche von Nutzen für die Koordination einer befreiten Gesellschaft sein könnten, auf einer formalen Ebene Wahlen ähneln. Dies macht eine kritische Analyse dieser notwendig.

Samstag 14 Uhr


Reclaiming History 

mit Kollektiv GESCHICHTE VON UNTEN

Der WS „Reclaiming History“ richtet sich vorrangig an Nicht-Akademiker*innen und soll eine gedankliche Perspektive zum Thema „Geschichte“ eröffnen. Darin richtet sie sich gegen die Fortschritts-Doktrin kapitalistischer Prägung, wie sie leider heute noch an vielen Schulen gelehrt wird.
Der WS arbeitet sich nicht an Inhalten ab, sondern daran wie Historischer Kontext verhandelt/vermittelt wird. Beispiele aus emanzipatorischen Projekten die sich mit Historie auseinandersetzen und eigene Übungen sollen einen alternativen Umgang zeigen und neugierig machen auf die Schätze der Vergangenheit.

Samstag 14 Uhr

www.geschichtenvonunten.org