Programm 2018

Freitag, 16. November

17:00 Begrüßung (im Keller des Cafe Knallhart)

Folgendes Programm im Hörsaal der HWP (Von-Melle Park 9)

18:00 Louise Michel – Die Anarchistin und die Menschenfresser – Eva Geber

20:00 Video zu den Libertären Tagen 1993 – dem wohl bis heute größten anarchistischen Kongress in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg – Thomas Schupp

 

Samstag, 17. November

10:00 Premium – Kollektivbetrieb 2.0 (Hörsaal)Premium Cola

12:00 Workshops I

  • Anarchismus und gewaltfreie Bewegungen weltweit (Raum S28) Lou Marin
  • Class Matters ! Anti-Klassismus Training (Raum B136)Francis Seeck fällt leider aus
  • Adultismus – Rotznasenanarchies
  • Die soziale Revolution auf Papier? – Eine Diskussion zur Akademisierung des Anarchismus (Raum B528)Jonathan Eibisch
  • Was MarxistInnen vom AnarchistInnen lernen können – Libertäre und kommunistische Kritik im Vergleich (Raum B136)Gerhard Hanloser – verschoben von 15 Uhr

15:00 Workshops II

  • Anarchistische Frauen/Feministinnen gegen Staat und Gewalt (Raum S28)Renate Brucker/ Lou Marin
  • „Jätefaust auf schwarzem Grund“ – Bio-veganer Anbau und die Organisationsfrage. Eine vegan-anarchistische Betrachtung (Raum B528)Sabotage-Waschbär
  • „Wir haben doch Spinoza nicht für die Schule, sondern fürs Leben gelernt.“ Grundzüge von Gustav Landauers Spinoza-Rezeption (Raum A316)Jan Rolletschek

17:30 Die Antinomie des Denkens des Pierre Joseph Proudhon (Hörsaal)Werner Portmann

19:30 Feministische Potentiale revolutionär-syndikalistischer Wirtschaftsbegriffe am Beispiel der Internationalen Arbeiter-Assoziation (seit 1922) (Hörsaal)Theresa Adamski

 

Sonntag, 18. November

10:30Capulcu Kollektiv (Hörsaal)

13:00 Abschlussplenum (Hörsaal)

 


Vorträge

Eva Geber: Louise Michel – Die Anarchistin und die Menschenfresser

Louise Michel. Geboren 1830 in Vroncourt, Frankreich, als uneheliche Tochter der Schlossmagd Marie-Anne Michel. Der Vater, Sohn des Schlossherren, erkennt sie nicht an, aber dessen Eltern erziehen sie als ihre eigene Enkelin frei im Geiste Rousseaus und Voltaires. Vom Kind, das Leid nicht dulden konnte, zur republikanischen Sozialistin, der todesmutigen Kämpferin auf den Barrikaden der Pariser Commune 1871, entwickelt sie sich zur Anarchistin. Deportiert ins Straflager auf Neukaledonien, lässt sie sich mit Begeisterung auf das Land und die indigene Bevölkerung ein, erlernt ihre Sprache und vermittelt in zwei Publikationen deren Mythen und Kultur. Unbeugsam und furchtlos kämpft sie für Freiheit und Gerechtigkeit, großherzig und vorurteilslos, auch manchmal naiv, setzt sie sich für die Schwachen, die Ausgebeuteten, die Unterdrückten, «Les Misérables», ein. Als sie 1905 stirbt, folgen über 100.000 Menschen ihrem Sarg.

Eva Geber, geboren 1941 in Wien, Grafikerin, Autorin, Kulturpublizistin; von 1980–2002 Leiterin einer selbstverwalteten Druckerei. 35 Jahre Mitherausgeberin von AUF-Eine Frauenzeitschrift; Mitgründerin der AUFedition 1992. Buchpublikationen vorwiegend über Frauen der Wiener Moderne; zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Wiener Frauenpreis 2009. Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis 2013 für das Buch Der Typus der kämpfenden Frau – Frauen schreiben über Frauen in der Arbeiter- Zeitung von 1900–1933. Publikation Frühjahr 2018: Louise Michel – Die Anarchistin und die Menschenfresser. Biographischer Roman, Verlag Bahoe. Lebt und arbeitet in Wien.

 

Thomas Schupp: Video zu den Libertären Tage 1993 – dem wohl bis heute größten anarchistischen Kongress in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg

Zu dem viertägigen anarchistischen Kongress unter dem grundlegenden Thema „Wege zu einer anarchistischen Gesellschaft“ kamen während der Ostertage 1993 über 3000 Menschen an der Frankfurter Universität zusammen. Zitat aus dem Aufruf: „In einer Zeit, in der weltweit Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden, wollen wir darauf aufmerksam machen, daß Freiheit und Selbstbestimmung keine Forderungen sind, die der Vergangenheit angehören. Im Gegenteil: Herrschaft muß in all ihren Erscheinungsformen (z.B. Staatsherrschaft, Patriarchat, Sexismus, Antisemitismus, Ausbeutung durch Lohnarbeit…) öffentlich gemacht und bekämpft werden.“

In dem ca. 30minütigen Videozusammenschnitt werden eine Straßenumfrage zum Thema „Anarchie“ sowie verschiedene Aktivitäten während der Libertären Tage und etliche Interviews mit Beteiligten gezeigt. Näher dargestellt werden soll auch eine schriftliche Umfrage während der Libertären Tage, an der immerhin 436 Menschen teilnahmen und die dadurch als recht repräsentativ bezeichnet werden kann. Zudem konnten die Antworten getrennt nach Frauen und Männern bewertet werden.
Weiter Infos in der Rubrik Libertäre Tage unter: www.anarchismus.de

Thomas Schupp, Diplom-Soziologe, selbstständiger Versicherungs- und Finanzmakler, seit Jahrzehnten Aktivist in vielen sozialen Bewegungen, Mitorganisator der Libertären Tage 1987 und 1993.

 

Premium Cola: Premium – Kollektivbetrieb 2.0

Das Premium Kollektiv verkauft Getränke, u.a. eine Cola und eine Bier Sorte. Wichtiger als die Getränke ist aber die Art und Weise wie diese verkauft werden. Alle Entscheidungen werden mit allen Gliedern der Produktionskette im Konsens getroffen. Von den Abfüllunternehmen über die LKW Fahrer bis hin zu den Händlern, den Bars und den Konsumenten können alle mitbestimmen, wie das Kollektiv funktioniert – und, es funktioniert. So ist ein Betriebssystem- wenn man es denn korrekt betreibt, aus über 50 Denkmodulen entstanden, das deutlich macht, dass es u.a. keine Verträge, keine Werbung und keinen Mengenrabatt geben muss.

 

Werner Portmann: Die Antinomie des Denkens des Pierre Joseph Proudhons

Im deutschsprachigen Raum ist er kaum mehr bekannt. Nur sein von ihm populär gemachtes Schlagwort „Eigentum ist Diebstahl“ taucht da und dort noch in einem Artikel oderFlugblatt auf, ohne dass die, die ihn zitieren wissen, wer denn diesen Satz zum Schlagwort formte. Der französische Soziologe, Ökonom und Philosoph Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) war es, der sich mit diesem Satz auf einen Schlag in Europa als scheinbar radikaler Umstürzler bekannt machte. Er war es auch, der als einer der ersten das Wort Anarchie vom negativen zum positiven Begriff wendete und zum Diskussionsthema aller sozialen Bewegungen der Zeit machte. Für viele wurde er dadurch zum „Vater der modernen philosophisch-politischen Idee des Anarchismus“. Für andere ist er ein „kleinbürgerlicher Vordenker“ des Faschismus, dessen antisemitischen und frauenfeindlichen Ansichten bis heute verheerende Wirkung zeigt. Wer war Proudhon, was waren seine gesellschaftspolitischen und ökonomischen Ideen, wie war ihre damalige und ist ihre heutige Auswirkung? Solche und weitere Fragen versucht Werner Portmann in einem Vortrag zu beantworten.

Werner Portmann, freier Publizist, lebt in der Nähe von Zürich. Verfasser verschiedener Bücher zum Thema Anarchismus und ArbeiterInnenbewegung. Etliche Publikationen zur Person und Philosophie P.J.Proudhons.

 

Theresa Adamski: Feministische Potentiale revolutionär syndikalistischer Wirtschaftsbegriffe am Beispiel der Internationalen Arbeiter-Assoziation (seit 1922)

In der Prinzipienklärung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA/IWA/AIT) aus dem Jahre 1922 wurde die Position der Arbeiter_innen innerhalb der Marktwirtschaft als Quelle ihrer Handlungsmacht definiert. Revolutionäres Potential sahen die Protagonist_innen deshalb in der Bildung von sogenannten „wirtschaftliche Kampforganisationen“. Unter dem Begriff der „Direkten Aktion“ wurden jene Strategien zusammengefasst, die mithilfe dieser Organisationen zur Revolution führen sollten: Streik, Boykott, Sabotage sowie die wichtigste Disziplin, der Generalstreik. Der Generalstreik würde die Besitzenden enteignen und Platz für eine neue, in Syndikaten organisierte, partei- und staatenlose Gesellschaft schaffen.
Revolutionäre Syndikalist_innen zogen Wirtschaftsbegriffe aber nicht nur zur Argumentation ihrer Strategien und Zukunftsvorstellungen heran, Wirtschaftsbegriffe nahmen auch einen zentralen Stellenwert innerhalb von Sexualitäts-, Geschlechter-, Familien-, Körper- und Arbeitsdiskursen ein. Geschlechterverhältnisse und wirtschaftliches Denken sind seit der Moderne untrennbar verwoben. Diese Zusammenhänge von Geschlecht, Wirtschaft und Arbeit in den Diskursen der IAA möchte ich sichtbar machen. Als Impuls für die Diskussion werde ich darstellen, in welchen Kontexten Wirtschaftsbegriffe innerhalb der IAA in der Zwischenkriegszeit zum Einsatz kamen. Ausgehend davon möchte ich diskutieren, inwiefern anarcho-syndikalistische Wirtschaftskonzepte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Frage stellten oder reproduzierten – und nicht zuletzt, ob die Idee einer syndikalistischen Organisation von Arbeit für feministische Diskurse der Gegenwart fruchtbar sein kann.

Theresa Adamski arbeitet derzeit an ihrer Dissertation zu Arbeit und Geschlecht in  revolutionär- syndikalistischen Arbeiter_innenbewegungen der Zwischenkriegszeit. Sie ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Wien und präsentierte ihre Forschung bei unterschiedlichen Konferenzen und Workshops. Ihre Masterarbeit in Frauen- und Geschlechtergeschichte untersuchte Konzepte von Arbeit und Konsum in den Veröffentlichungen des tschechischen Schuhherstellers Baťa in den 1930er-Jahren. Sie hat Studien in Geschichte und Architektur abgeschlossen und studiert Gender Studies mit den Schwerpunkten Dis/Ability Studies und Science and Technology Studies. Theresa Adamski ist außerdem Schlagzeugerin, Gitarristin und Sängerin und hält feministische Band- Workshops.

 

Capulcu Kollektiv:

 

Workshops

 

Lou Marin: Anarchismus und gewaltfreie Massenbewegungen weltweit. Ein verlegerisches Forschungs- und Publikationsprojekt des Verlags Graswurzelrevolution

Seit vielen Jahren existiert im Buchverlag Graswurzelrevolution eine bewusste historische Forschung und Publikationskonzeption zu Anarchismus und gewaltfreier Revolution auf weltweiter Ebene und auch zu nicht-europäischen Gebieten/Regionen/Ländern. Ausgangspunkt des Interesses ist der seit langem bestehende Bezug der Graswurzelrevolution und des gewaltfreien Anarchismus zur Bewegung der African Americans in den US-Südstaaten der 1960er Jahre, besonders zur Geschichte des Student Nonviolent Coordinating Committees, wozu es eine übersetzte Geschichte des SNCC im Verlag gibt. Weiterer Ausgangspunkt ist die antikoloniale Bewegung Indiens unter Gandhi gegen den britischen Kolonialismus. Im übersetzten Buch von Ashis Nandy, „Der Intimfeind“, geht es dabei vor allem um eine im angloamerikanischen Raum verbreitete libertäre Interpretation des Antikolonialismus Gandhis.
Solcherart vorgeprägt durch gewaltfrei-libertäre Massenbewegungen, deren Erfahrungsschatz für die Kämpfe im deutschsprachigen Raum seit den 1970er-Jahren durch die GWR und die aktivistischen gewaltfreien Aktionsgruppen versucht wurden, nutzbar zu machen und zu verbreiten, wurden wir inspiriert zu weiteren, ähnlich gelagerten Forschungen über Anarchismus weltweit. Ergebnis dieses Ansatzes sind Beteiligungen bei Projekten, wie etwa zuletzt im Sommer beim Schwerpunktheft der iz3w zu „Anarchismus weltweit“ oder länderübergreifende Projekte des Verlags Graswurzelrevolution, wie etwa das von der Internationale War Resisters’ International 2017 in zehn verschiedenen Sprachen herausgegebene und von weltweit 50 AktivistInnen geschriebene „Handbuch für gewaltfreie Kampagnen“; oder auch das Buch von Sebastian Kalicha: „Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus“, das solche Bewegungen auf weltweiter Ebene vorstellt; oder auch das neue Buch „Im Kampf gegen die Tyrannei“, das unbekannte revolutionäre Massenbewegungen im arabisch- islamischen Raum, in Syrien 2011-2013 und im Sudan 1983-1985 vorstellt – ein Gemeinschaftsprojekt von französisch- und deutschsprachigen Anarchisten, das im Frühjahr 2018 gleichzeitig in deutscher und französischer Sprache veröffentlicht worden ist.

Lou Marin ist Französisch-Übersetzer und Buchautor. Er hat ein Buch mit Texten und historischen Studien über Simone Weil übersetzt und jüngst ein Buch über Rirette Maîtrejean und die zweite anarchistische-feministische Generation im französischen Anarchismus vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Er wird diese beiden Bücher vorstellen.

 

Francis Seeck: Class Matters ! Anti-Klassismus-Training

Klassismus bezeichnet die strukturelle Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund der sozialen/ökonomischen Herkunft und Position in der Gesellschaft. Beispiele für Klassismus sind die Benachteiligung von Kindern aus Arbeiter_innenfamilien, im Bildungsbereich oder Obdachlosen- und Erwerbslosenfeindlichkeit. Anarchismus gilt als eine Soziale Bewegung, in der die Anzahl von Aktivist_innen aus der Mittelklasse sehr hoch ist. Oft wird dies durch eine Romantisierung und Aneignung von Armut und Szenecodes unsichtbar gemacht. Klassismus ist in anarchistischen Räumen an der Tagesordnung. In diesen Workshop werden wir uns aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema Klassismus nähern. Es geht es um folgende Fragen:
Was ist Klassismus?
Wie zeigt sich Klassismus (auch in anarchistischen Räumen) ?
Was hat Klassismus mit Gesundheit, Bildung, Wissenschaft Sprache und Lebenserwartungen zu tun?
Wie ist Klassismus mit anderen Machtverhältnissen wie zum Beispiel Rassismus, Trans*-feindlichkeit, Homofeindlichkeit verbunden?
Was können wir dagegen tun?

Francis Seeck ist Antidiskriminierungstrainer*in, Autor*in und Doktorand*in. Francis ist beim Institut für Klassismusforschung aktiv, einem Netzwerk von Akademiker_innen aus der Arbeiter_innen- oder Armutsklasse. Francis ist selber in einer armen Familie aufgewachsen und Careleaver. Francis beschäftigt sich viel mit den Themen Sorgearbeit, Klassismus, Queer Feminismus und hat 2017 das Buch „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ bei edition assemblage rausgebracht, in dem es um Klassismus, Bestattungen und Trauerkultur geht.

 

Rotznasenanarchies: Adultismus

 

Jonathan Eibisch: Die soziale Revolution auf Papier? – Eine Diskussion zur Akademisierung des Anarchismus

In den letzten zwei Jahrzehnten wuchs die anarchistische Bewegung in einem gewissen Maße an. Sie als „die“ sozial-revolutionäre Fraktion im 21. Jahrhundert schlechthin zu stilisieren, scheint dabei dennoch übertrieben. Vor allem wurden so viele Bücher zu anarchistischen Themen publiziert wie seit der 1968er-Bewegung nicht mehr. Und auch in den (Sozial-)Wissenschaften ist das Interesse am Anarchismus enorm gewachsen – wozu sich jüngst sogar in der staatsgläubigen BRD einige Ansätze entwickeln. Doch wie ist dieser vermeintliche „Anarchist Turn“ (Blumenfeld/Bottici/Critchley 2013) in den Geistes- und Sozialwissenschaften aus Sicht der anarchistischen Bewegung zu bewerten? Handelt es sich um eine tatsächliche Verschiebung des Interesses, die zur Erforschung, Legitimierung und Stärkung des Anarchismus‘ führt? Oder haben wir es lediglich mit einem neuen Hype des Wissenschaftsbetriebs – quasi einer Spekulationsblase – zu tun, welche dem Geltungsbedürfnis kritischer Akademiker*innen dient, die sich möglicherweise sogar auf Kosten sozialer Bewegungen profilieren? Wie kann umgekehrt aus „der“ anarchistische Bewegung heraus sinnvoll in Wissenschaftsbetrieben und -diskursen agiert werden? Ist die landläufige Unterscheidung von „Wissenschaftler*innen“ und „Aktivist*innen“, welche „zusammenarbeiten sollen“, empirisch vorhanden? Oder kommt in ihr vorrangig der Avantgarde-Anspruch akademisierter Linker zum Ausdruck?
Nach einem Erfahrungsbericht zum Einstieg, einigen Beispielen und Thesen zur Thematik, möchte ich diese Fragen gemeinsam diskutieren. Dies nicht zu Letzt, um sinnvolle Umgangsweisen mit meinen eigenen Widersprüchen zu finden – die vielleicht auch eure sind. Eine kontroverse Debatte ist dabei ausdrücklich erwünscht, wenn sie auf wirkliche Auseinandersetzung und keine Behauptung identitärer Standpunkte abzielt. Nur zuhören ist ebenfalls okay.

 

Renate Brucker/ Lou Marin: Anarchistische Frauen/Feministinnen gegen Staat und Gewalt. Ein verlegerisches Publikations- und Forschungsprojekt des Verlags Graswurzelrevolution

Seit einigen Jahren existiert im Buchverlag Graswurzelrevolution eine bewusste historische Forschung und Publikationskonzeption nach Anarchafeministinnen oder anarchistischen Frauen, die in ihrer aktivistischen Praxis die gewaltfreie Revolution befürwortet haben und/oder eine Kritik des Konzepts oder einzelner Bestandteile (Propaganda der Tat) revolutionärer Gewalt formuliert haben. Veröffentlicht wurden im Verlag dazu in den letzten Jahren Studien oder Übersetzungen zur französischen Anarchosyndikalistin Simone Weil, zur feministisch-individualanarchistischen  Attentatskritikerin Rirette Maîtrejean, zur spanischen Mitbegründerin der Mujeres Libres, Amparo Poch y Gascón, und jüngst zur niederländischen revolutionären Syndikalistin, Tierausbeutungsgegnerin und Gefängniskritikerin Clara Wichmann. Im Anschluss könnte über Methoden, Forschungsverlauf und Publikationskonzepte solcher Bücher diskutiert werden.

Renate Brucker ist Niederländisch-Übersetzerin und Forscherin zu Clara Wichmann. Sie hat die Texte des Wichmann-Buches übersetzt, herausgegeben und mit einer ausführlichen biografischen Einleitung versehen. Sie wird ihre Forschungsarbeit vorstellen. Außerdem wird sie das kürzlich erschienene Buch über Amparo Poch y Gascón vorstellen.

Lou Marin ist Französisch-Übersetzer und Buchautor. Er hat ein Buch mit Texten und historischen Studien über Simone Weil übersetzt und jüngst ein Buch über Rirette Maîtrejean und die zweite anarchistische-feministische Generation im französischen Anarchismus vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Er wird diese beiden Bücher vorstellen.

 

Gerhard Hanloser: Was MarxistInnen von AnarchistInnen lernen können – Libertäre und kommunistische Kritik im Vergleich

Anarchismus und Marxismus standen sich in Form von Marx und Bakunin in der 1. Internationale feindlich gegenüber. Viele AnarchistInnen ließen jedoch die Marxsche Kapitalismuskritik gelten, verwarfen allerdings die politischen Vorschläge der KommunistInnen: Übergangsprogramme, diktatorische Staatsverfassung, Bündnis mit dem Bürgertum. Viele MarxistInnen links von den Kommunistischen Parteien übernahmen Anfang des 20. Jahrhunderts anarchistische Vorstellungen. Im Rätekommunismus und bei Rosa Luxemburg lassen sich anarchistische Grundpositionen finden. In den späten 60er Jahren entstand ein Neo-Anarchismus, der sowohl Marx als auch den Anarchismus miteinander verband. Im Zentrum stand die Kritik des „Autoritären“. Der Workshop geht der Frage nach, inwiefern diese Strömungen und Positionen dem 21. Jahrhundert angemessen sind. Welche Vorstellungen sollten aufgeben werden und vor welchem theoretischen Hintergrund kann die heutige autoritäre wie ausbeuterische Wirklichkeit kritisiert werden?

Gerhard Hanloser ist Soziologe, Pädagoge und Publizist. Er diskutierte u.a. mit Philippe Kellermann über „Anarchismus, Marxismus, Emanzipation“ über die Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen (Berlin, Die Buchmacherei 2012) und veröffentlichte jüngst: „Lektüre und Revolte. Der Textfundus der 68er-Fundamentalopposition“ (Münster, Unrast 2017)

 

Sabotage-Waschbär: „Jätefaust auf schwarzem Grund“ – Bio-veganer Anbau und die Organisationsfrage. Eine vegan-anarchistische Betrachtung.

Gruppenseminar mit Einführungspräsentation zur Erarbeitung von Praxisperspektiven.
Zunächst hält der Sabotage-Waschbär eine dreiteilige Präsentation ab zu:
• bio-veganem Land- und Gartenbau
• Vorteilen, Chancen, Problemen und Herausforderungen der aktuellen Praxis
• perspektivischen Konzeptszenarien für selbstverwaltete Strukturen und ihre
Föderation mittels Boden als nichtstaatlichem Gemeineigentum. Anschließend ist es vorgesehen, gemeinsam die vorgestellten Konzeptszenarien zu diskutieren und darauf aufbauend konkrete Handlungsspielräume und Grundlagen für potentielle Praxisprojekte zu entwickeln.

Der Sabotage-Waschbär hat unter anderem einen geisteswissenschaftlichen, darunter philosophischen, Hintergrund, zuletzt allerdings Umweltwissenschaften und Raumwissenschaften studiert und sich hierbei vor allem naturwissenschaftlich mit Boden und Wasser beschäftigt. Er ist in der FAU Hamburg organisiert und dort in der AG Kollektivbetriebe tätig. Als Vertreter des Total-Liberation-Gedankens in Theorie und Praxis ist er aus fundamental-ethisch begründeter Überzeugung sowie emanzipatorischer Motivation im Bereich des bio-veganen Landbaus aktiv.

 

Jan Rolletschek: „Wir haben doch Spinoza nicht für die Schule, sondern fürs Leben gelernt.“ Grundzüge von Gustav Landauers Spinoza-Rezeption

Der für Gustav Landauer (1870-1919) so zentrale Begriff des „Geistes“ erhält seine definitive Prägung im „Aufruf zum Sozialismus“ (1911). Äußerlich jedoch bleibt dieser Begriff zugleich ausgesprochen unterbestimmt, schillernd und geradezu konturlos. Als der befreundete Philosoph Ludwig Berndl sich über diesen Umstand beklagt, vertröstet Landauer ihn auf ein „philosophisches Buch“, das seine Ausführungen nachträglich fundieren und auch diesen Mangel beheben würde. Dieses Buch wurde nie geschrieben.

In die Phase seines „Rückzugs“ aus der anarchistischen Bewegung (1900-1906) fällt Landauers Bekanntschaft mit dem Philosophen Constantin Brunner (1862-1937). Die Beziehung beginnt im Herbst 1903 und ist sofort sehr intensiv. Brunner arbeitet an seiner „Lehre von den Geistigen und vom Volke“, als er auf Landauer aufmerksam wird und ihn zu sich einlädt. Landauer liest das Manuskript der „Lehre“ und ist fasziniert. Nicht lange und er wird die Herausgabe des auf drei Bände hin angelegten Werkes betreuen. Darin entwirft Brunner – vermeintlich im Anschluss an Baruch de Spinoza (1632-1677) – einerseits eine „Fakultätenlehre“ des Denkens (praktischer Verstand, Geist und Analogon des Geistes, d.i. Aberglaube), andererseits eine entsprechende Lehre von zweierlei „Menschentypen“, von den Geistigen und vom Volk.

In Auseinandersetzung mit dem Brunner’schen Werk kommt es zur entscheidenden Vertiefung von Landauers Spinoza-Rezeption. Wo Brunner über Spinoza hinausgeht, teilt Landauer ihm schließlich mit, gehe er fehl. Bereits seit 1907 war in Landauers Texten eine kritische Gegenbesetzung des Brunner’schen Vokabulars aktiv. Der „Aufruf zum Sozialismus“ schließt nahtlos daran an. An die Stelle von Brunners Staatsdenken tritt ein grenzenloser Föderalismus, der vom Ganzen her ins Ganze denkt, an die Stelle der Trennung von „Geistigen“ und „Volk“ ein gemeinsamer „Geist“, der auch affektive Anteile umfasst. Dabei hat Landauer jedes seiner theoretischen Manöver in der auch von Brunner akzeptierten Philosophie Spinozas verankert. Landauers anarchistische Antipolitik wurde nun vollends zu einem praktisch prozessierenden Spinozismus.

In unserem Workshop soll es jedoch nicht darum gehen, diese These durch philologische Details zu erhärten. Stattdessen werden wir uns in einem close reading kurzer exemplarischer Passagen aus Landauers Texten gemeinsam an einer Deutung versuchen. Anschließend werde ich diese Passagen jeweils auf die Philosophie Spinozas beziehen, die sie als heimlichen Index mitführen und unausgesprochen zitieren.

Eine ganze Reihe traditioneller Gegensätze – von Geist und Materie, Freiheit und Notwendigkeit, Zeit und Ewigkeit, Einheit und Vielheit, Affirmation und Negation –, welche die westliche Kulturgeschichte durchziehen und mit ihren Aporien heimsuchen, werden in der Philosophie Spinozas durch eine innovative Neuausrichtung der grundlegendsten philosophischen Begriffe von vornherein unterlaufen. Die Konsequenzen dieser philosophischen Revolution hat Gustav Landauer in seiner Praxis überall gezogen.

Keine Lektüre und kein Vorwissen nötig.

Jan Rolletschek hat Kulturwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Berlin sowie bildende Kunst in Amsterdam studiert. Er lebt in Berlin, promoviert über die Spinoza-Rezeption Gustav Landauers und ist beteiligt an der „Gustav Landauer Denkmalinitiative“, die zur Zeit eine Ausstellung über Landauer vorbereitet. Sie wird insbesondere die Berliner Zeit fokussieren und Ende März 2019 im Friedrichshain-Kreuzberger Rathaus eröffnet.